Ökotest Verlag GmbH
Redaktion
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Frankfurt, den 22.04.03
Leserbrief
Betr.: Schluderiges und feullitonistisches Abfassen von Artikeln
Hallo Ihr Leute vom Ökotest,
wir lesen regelmäßig Euer Heft und wissen es zu
schätzen, dass es den Ökotest gibt, als das einzige bedeutsame ökologische
Korrektiv in der deutschen Konsumlandschaft.
Gerade weil der Ökotest von der Öffentlichkeit ernst genommen wird,
finden wir es bedauerlich, dass bei manchen Veröffentlichungen oberflächlich
und nachlässig recherchiert wird, so dass dann nichtssagende feullitonistische
Artikel dabei herauskommen.
Wir beziehen uns dabei auf den Bereich, in dem wir uns gut
genug auskennen, um das zu behaupten: Betten, Matratzen und gesundes Schlafen.
Aufhänger unseres Schreibens sind Ihre letzten Artikel zu diesen Themen
in dem "Ratgeber Bauen, Wohnen & Renovieren" Nr. 5 (und der entsprechende
Artikel in Ökotest 12/2002) sowie der etwas merkwürdige Test "Prüfzeichen
Matratzen".
Wir haben uns u. a. die Mühe gemacht, den Artikel "Wie
man sich bettet.." auf Seite 134 ff. genau durchzugehen und zu kommentieren,
denn hier geraten neben diversen Fehlern Meinungen und Sachaussagen bunt durcheinander:
Zu Beginn findet man auch in diesem Artikel die übliche Erklärung,
dass die Matratze punktelastisch sein soll und den Körper anatomisch unterstützen
soll, damit die Wirbelsäule in allen Schlafpositionen in ihrer natürlichen
S-Form ruhen kann.
Auf dieses Erklärungsmuster haben sich anscheinend alle
Fachleute abgestimmt, von den Bettenfachgeschäften bis hin zu Stiftung Warentest
oder zu Jean Pütz von der Hobbythek. Aber trotz des aufgestellten Bewertungsmaßstabes
werden in dem Artikel anschließend alle Matratzentypen gleichrangig nebeneinander
dargestellt, obwohl die beschriebenen Vollpolstermatratzen und Futons nun alles
andere als punktelastisch zu charakterisieren sind.
Wenn der Leser mit diesem Ratschlag in die Geschäfte
geht, wird er mit Erstaunen feststellen, dass nahezu alle Anbieter ihre Matratzen
mit der Auszeichung "punktelastisch und Wirbelsäule stützend" versehen,
er wird sogar noch eine medizinische Begründung dazu erhalten (die Bandscheibe
muss sich wieder auffüllen können...) und vielleicht wird ihm darüber
hinaus auch noch eine Vermessung der Wirbelsäule angeboten.
Falls schließlich nach Besuch mehrerer Fachgeschäfte
noch gänzlich unterschiedliche Matratzen als "objektiv richtig" ermittelt
werden, ist Verwirrung unvermeidlich. Aber nur wenige Menschen werden merken,
dass derartige Theorien systematisch daneben liegen, ein Versuch, den Körper
in ein idealisiertes Einheitsraster zu pressen.
So kommen tatsächlich Menschen zu uns, die beim Probeliegen
besorgt danach fragen, ob denn ihre Wirbelsäule gerade ausgerichtet ist,
anstatt sich an der eigenen Körperwahrnehmung zu orientieren.
Nach unserer Meinung geht es überhaupt nicht um das hochmystifizierte
Knochengerüst Wirbelsäule und seine "natürliche Lagerung",
es sind vielmehr die Muskeln, Bänder und Fascien, die sich regenieren und
neu organisieren müssen. Wie sich die Wirbelsäule dabei ausrichtet,
ist in der Regel weitgehend unerheblich, (ebenso für die vielbemühten
Bandscheiben, wie Druckmessungen am lebendigen Körper beweisen (siehe dazu
in unserem Archiv unter www.boyboks.de oder direkt im Original: Spine, Vol. 24
1999 "New In Vivo Mearsurement of Pressures in the Intervertebral Disc on
Daily Life").
Muskeln, Bänder und Fascien des "Bewegungsapparates" reorganisieren
sich nicht, in dem sie schlaff und entspannt vom Skelett herabhängen, wie
angenommen wird, sondern benötigen je nach vorhandenen Problemen und nach
Gewohnheitsmustern ganz bestimmte Spannungen und Bewegungen um einen Ausgleich
zu vorhergehenden einseitigen Belastungen zu erzielen.
Daraus begründet sich auch, warum viele Menschen den
Wunsch haben, auf relativ festen Matratzen zu liegen. Sie wollen gerade nicht
in die Matratze einsinken, da sich sonst der Bewegungsapparat (inclusive Wirbelsäule)
nicht wie gewünscht ausrichten und strecken kann. Und aus diesem Grund verkaufen
wir auch weiterhin überwiegend feste Matratzen, obwohl der Futontrend auch
bei uns längst vorbei ist.
Die "Normal-Wirbelsäule" gibt es nicht, genausowenig
wie ihre "natürliche Lagerung". Besuchen Sie uns, am besten mit
der ganzen Redaktion, dann können wir Ihnen am eigenen Leib die jeweiligen
Unterschiede demonstrieren.
Gerade aus den alltäglichen Verkaufserfahrungen wissen
wir, dass Lehrmeinungen hinsichtlich der Rückenlagerung kaum eine Bedeutung
haben, sondern vielmehr die jeweiligen Bewegungs- und Haltungsmuster, die bei
jeder Person genauso individuell sind wie der mentale Charakter.
Die Faustregeln aus Ihrem Artikel wie "nicht zu fest
und nicht zu weich" helfen niemanden, sondern verunsichern sogar, wenn die
eigene Körperwahrnehmung nicht mit dem Ratschlag übereinstimmt.
Genauso ist es mit der Regel, dass gewichtige Personen oder empfindliche Bandscheiben
eine festere Unterlage benötigen. Einerseits werden hier Birnen und Bohnen
in einen Topf geworfen. Und zum anderen werden sich manche gewichtige Personen
bedanken, wenn man von Ihnen verlangt, sich auf eine harte Matratze zu legen.
Natürlich brauchen sie eine stabile Matratze, die sich nicht von ihrem Körpergewicht
zusammenquetschen lässt, das heißt aber wiederum nicht, dass anschmiegsame
und stützende Eigenschaften unerwünscht sind.
Von den Meinungen zu Fakten und Fehlern:
1. Im weiteren Textverlauf wird behauptet, dass Naturlatex
eine antiseptische Wirkung auf Bakterien und Hausstaubmilben besitzt. Darüber
ist uns nichts bekannt, außer Sie gehen von der Toxität der Latexhilfs-
und Prozesschemikalien aus, die wir ja nun alle auf das höchstmögliche
Maß einzuschränken und zu kontrollieren versuchen. Aber die unvermeidlichen
Restbelastungen durch die Prozesschemikalien als eine positive Eigenschaft hervorzuheben,
kann ja wohl schwerlich das Ziel Ihrer Aussage sein.
2. Warum man bei der Verwendung von Latex gute Karten bezüglich
der Belüftung hat, während Schaumstoff das Schwitzen fördert,
ist von uns leider ebenfalls nicht nachvollziehbar. Dummerweise ist gerade der
auch von uns und von Ihnen präferierte Latex ein weitaus stärkerer
Isolator als der grobporige Polyurethanschaumstoff. Bei beiden Schaumstofftypen
helfen natürlich Kavernen, daher tragen diese nicht zur Unterscheidung zwischen
den Versionen bei.
Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang wichtiger,
zu betonen, dass durch eine üppige Dimensionierung von zusätzlichen
Naturhaarauflagen (mit ihrer Hygroskopizität) die relative Luftfeuchtigkeit
und damit das Schwitzen wirkungsvoll eingeschränkt werden kann.
3. Im Abschnitt über Federkernmatratzen wird geschrieben,
es gäbe neben den Taschen-Federkernmatratzen als Weiterentwicklung Tonnen-
und Zylinder-Federkernmatratzen. Das ist nicht ganz richtig, denn die Tonnen-
und Zylinder-Federkernmatratzen sind nur die unterschiedlichen Techniken der
Taschen-Federkernmatratzen, ohne eine bestimmte Form geht es nicht.
4. Unter der Überschrift Naturmatratzen wird behauptet,
dass Rosshaar von Schädlingen gemieden wird. Das ist leider ganz und gar
nicht der Fall, und ich glaube, das müssen wir hier nicht weiter belegen.
5. Die Naturmatratzen, die in dem Artikel beschrieben werden,
haben übrigens wenig mit den Naturmatratzen zu tun, die üblicherweise
angeboten werden. In dem Artikel wird der Begriff "Naturmatratzen" etwas
wirklichkeitsfremd auf reine Vollpolstermatratzen bezogen, welche aber heute
mangels Nachfrage kaum noch angeboten werden. Aus diesem Grund haben sich die
naturorientierten Matratzenanbieter unausgesprochen darauf abgestimmt, ihre Matratzen
mit Naturlatex im Kern und zusätzlichen Lagen von Naturfasern als Naturmatratzen
zu bezeichnen. In diesem Zusammenhang ist der Begriff Naturmatratze überhaupt
erst kreiert worden: als Abgrenzung zu den Futons (mit den man nichts mehr zu
tun haben wollte) und als Abgrenzung zu den herkömmlichen Latexmatratzen,
die neben dem synthetisch hergestellten Latexkern in der Regel nur einen dünnen
Steppbezug mit Baumwoll- oder Schurwolleinlage besitzen, also deutlich weniger
Natur.
6. Unter der Überschrift Futon ist die anfängliche
Beschreibung zutreffend, bei der es um die Futonmodelle geht, die dem traditionellem
japanischen Futon angelehnt sind. Wenn Sie aber die relativ steifen europäischen
Futonmodelle mit Gummikokoseinlagen gemäß der Abbildung auf Seite
136 (übrigens unsere Futonmatratze "Duplex") aufrollen wollten,
werden Sie feststellen, dass dies nicht geht.
7. In der Rubrik Matratzenpflege wird behauptet, dass große
Fachgeschäfte über Waschanlagen für Matratzen verfügen. Es
gibt unseres Wissens kein Geschäft in Deutschland, das eine derartige Waschanlage
für Matratzen besitzt, wohl aber Waschanlagen für eine schonende Wäsche
von Matratzenbezügen.
"Test Prüfzeichen Matratzen"
Abschließend noch einige Bemerkungen zu diesem Artikel,
den wir als ziemlich kurios empfinden. Hier wollte Ökotest wissen, wie genau
es die unterschiedlichen Prüfprogramme nehmen. Der Artikel wird als "Test" von
Prüfzeichen verkauft. Von Test kann aber keine Rede sein. Die Prüfzeichen
werden danach bewertet, ob sie umweltbelastende Inhaltsstoffe zulassen. Hier
könnte der oberflächliche Leser meinen, es ginge um Schadstoffe in
der Matratze, denn darum geht es wirklich bei den meisten der angegebenen Prüfzeichen.
Aber erst nach zweiter und dritter Lesung, geht dem Leser
ein Licht auf, dass es dem Ökotest allein darum geht, ob die Prüfzeichen
Anteile von Syntheselatex in den Matratzen akzeptieren oder nicht. Die "umweltbelasteten
Inhaltsstoffe" beziehen sich nicht auf die Matratze, sondern auf den Ursprung
des Rohstoffs Latex.
Durch diesen sprachlogischen Trick kommt es dazu, dass das
Zertifikat vom Eco-Umweltinstitut Köln bei der Bewertung an erster Stelle
eingeordnet wird, obwohl es die Schadstoffkontrolle nur nach dem untersten Textilstandard,
dem Eco-Tex-Standard 100 durchführt (und außer einer einzigen Untersuchung
keine weiteren Kontrollen durchführt) während der um etwa eine Zehnerpotenz
strengere Maßstab vom TÜV Rheinland (mit weiteren regelmäßigen
Kontrollen) dagegen auf unterster Stelle landet.
Auch wir verwenden in unseren Matratzen ausschließlich
Naturlatex und finden das konsequent, aber wir würden nie darauf kommen,
mit solchen Wortspielen zu arbeiten, und schließlich das Zeichen mit der
größten Schadstofftoleranz als "sehr gut" bewerten.
Wenn es wirklich um die Ökobilanz gehen sollte, würde
man nicht nur eine andere Überschrift wählen, sondern den Artikel auch
völlig anders aufziehen.
Bei aller Solidarität, dieser "Test" passt
nicht zum Anspruch von Ökotest. Wir hoffen diesbezüglich auf eine Korrektur
und würden uns auf eine Antwort freuen.
Mit besten Grüßen
Ede Fischer
für das Team von bios affair, Frankfurt
Rainer Postl
von boyboks Naturfasermatratzen, Oberursel
Nachtrag: Dieser Brief ist vom Ökotest nicht beantwortet
worden.
Siehe auch einen neueren Text in den Schlaf • Notizen
unter: Öko-Test
macht den "Liegekomfort" zu einer objektiven Größe
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