Notiz vom 09. Mai 2005 als Replik auf Öko-Test 05/2005
Es lassen sich sicher viele physikalische und chemische Eigenschaften
von Matratzen erfassen, den „Liegekomfort“ einer Matratze aber kann
man genausowenig ermitteln wie den „guten Geschmack“ eines Weines.
Denn „Liegekomfort“ ist entgegen dem Sprachgebrauch keine
Produkteigenschaft, sondern die individuelle Einschätzung von Wohlgefühl
bei der Nutzung einer Matratze.
Dennoch hat Öko-Test beim „Test Latexmatratzen“ (05/2005) Experten
damit beauftragt, auf einem Prüfstand mit unterschiedlichen Stempeln zu
simulieren, „wie gut der Liegekomfort der Matratzen ist“.
Der Liegekomfort selbst wird aber nicht gemessen, sondern
errechnet aus den Parametern „Biegelastizität“, „Punktelastizität“, „Körperzonenstützung“ und „Schulterzonenentlastung“.
Diese wiederum werden nach einem Verfahren ermittelt, „das sich sowohl
an technischen Messstandards als auch an den Erfordernissen eines liegenden Menschen
orientiert“ (Zitat Öko-Test). Damit ist für Öko-Test die
Vorstellung und Begründung des Prüf- und Bewertungssystems erledigt.
Der Kern dieses Prüfverfahrens beruht also auf Voraussetzungen,
die nicht belegt, begründet oder definiert werden: a) die „technischen
Messstandards“, b) die „Erfordernisse eines liegenden Menschen“ und
c) die angegebenen Parameter. Das Bewertungssystem verschwindet damit in einer
Art „Black Box“. Und der normale Leser wird das wahrscheinlich nicht
einmal bemerken.
Jedoch schon einige grundsätzliche Überlegungen
machen deutlich, dass Öko-Test mit diesem Ansatz falsch liegen muss. Wir
wollen dies, ausgehend von den „technischen Messstandards“, erläutern.
Hier stellt sich gleich die Frage: Wie können die Formen für die Stempel überhaupt
definiert werden und wie die Kriterien für das Messverfahren? Sie müssen
ja abgeleitet worden sein von den „Erfordernissen eines liegenden Menschen.“ Und
hinter dieser sehr zurückhaltend formulierten Äußerung kann sich
nichts anderes verbergen als die Annahme, dass es eine ideale Lagerung des
Menschen auf einer Matratze gibt. Wie die ideale Lagerung des Menschen aussehen
soll, dazu findet sich kein Hinweis. Aber ohne ein derartiges Profil (von der
idealen Lagerung) können auch keine Messungen und Bewertungen vorgenommen
werden, will man nicht im Trüben fischen.
Die sich anschließende Frage, ob ein derartiges Idealprofil überhaupt
aufgestellt werden kann, ergibt sich gar nicht erst aus der Logik der Verfasser.
Und dennoch muss dieses Profil irgendwie da sein, nach welcher Maßgabe
sollte sonst geurteilt werden? Es gibt aber keinen Hinweis, woher es kommt und
wer bzw. wie es aufgestellt wurde.
Die Unmöglichkeit einer derartigen „Profil-Bestimmung“ wollen
wir anhand von Fragestellungen demonstrieren. Wenn es um Entlastungen und Stützungen
geht, müssen Verhältniszahlen ermittelt werden, z. B. wie stark ist
der Druck am tiefsten Punkt des Eindruckes und wie stark ist der Druck daneben
mit weniger Eindrucktiefe (wie beim Verhältnis von Gesäß zum
Kreuzbereich). Welches Druckverhältnis ist nun das richtige, nach welcher
Körperform, nach welcher Körperproportion und nach welcher Körpergewichtsverteilung
wurde es aufgestellt? Geht es dabei um die Vorstellung einer gleichmäßigen
Druckverteilung oder um eine Druckverteilung proportional zur Eindrucktiefe?
Wieviel Unterstützung braucht die Wirbelsäule? Wessen Wirbelsäule?
Von welcher Form der Wirbelsäule wird ausgegangen? Einer aufrechten? Einer
liegenden? Einer entspannten Wirbelsäule oder einer verspannten? Von einer
morgendlichen Wirbelsäule, der Wirbelsäule am Abend? Wird bei den Formen
von einem flachen Gesäß oder einem voluminösen ausgegangen, von
einem breiten Rücken oder einem schmalen? Von einem kurzen Rücken oder
von einem langen?
Je mehr Fragen wir dazu aufreihen, desto deutlicher wird,
dass die Frage, wieviel Unterstützung braucht die Wirbelsäule? sich
nicht allgemein beantworten lässt, denn diese Frage kann man nur für
eine individuelle Wirbelsäule stellen. Ein festgelegtes Ideal von „der
Wirbelsäule“ kann es nicht geben, weder von der Form noch von der
Stützung noch von den Spannungen im Bänderapparat, ebensowenig wie
es eine ideale Lagerung des menschlichen Körpers gibt oder die ideale Matratze.
Selbst der Ansatz, sich statistisch dieser Vorstellung anzunähern, in dem
man die Messwerte an einer Matratze nachvollzieht, auf der sich viele Menschen
wohlfühlen, und diese Daten zur Bewertungsvorgabe erhebt, wäre willkürlich
und würde nach der Normalverteilung den größten Teil der Menschen
ausschließen.
Die interessante Frage ist nun, wo das mysteriöse Bewertungsprofil
herkommt. Wir können uns nicht vorstellen, dass Öko-Test sich diese
Vorgabe selbst ausgedacht hat. Es ist eher anzunehmen, dass sie von den eingangs
erwähnten Experten mit den „Messtechnischen Standards“ stammt.
Wie können diese Experten wiederum zu so einem Profil gekommen sein? Wahrscheinlich
lag dieses Profil schon vor und wurde bei zurückliegenden Testserien (im
Auftrag der Matratzenindustrie) entwickelt. Erfahrungsgemäß läuft
das etwa so ab: Die „grauen Männer“ (technische Experten) befragen „Männer
im weißen Kittel“ (meistens Orthopäden) und ermitteln an den
vorliegenden Matratzen (des Aufraggebers) die Werte, bei denen verschiedene Testpersonen
die größte Übereinstimmung bezüglich ihres Wohlbefinden
kundtun. Diese Werte werden dann als Referenz bei zukünftigen Untersuchungen
empfohlen und so weiter. Schließlich geistern sie verselbstständigt
als „Messtechnische Standards“ herum.
Weiter möchten wir hier nicht spekulieren, aber darauf
verweisen, dass solche Vorgehensweisen völlig zufällig und willkürlich
sind, zumal das Problem des zu untersuchenden „Gegenstandes“ (Komfort
auf einer Matratze) überhaupt nicht erfasst worden ist. Das stört aber
keinen der Beteiligten, die Techniker haben ja nur ihre Messaufgabe erfüllt,
die Mediziner ihre Ratschläge gegeben und die Auftraggeber sind zufrieden,
weil sie nun „wissenschaftliche“ Belege haben, dass ihre Matratzen
einen guten Liegekomfort haben.
Dass Öko-Test wirklich an die Möglichkeit einer
objektiven „Komfortbestimmung“ glaubt und dabei die Punktelastizität
als Ziel per se ansieht, zeigt sich bei der Kommentierung der Prüfergebnisse.
Die Verfasser stellen mit Erstaunen fest, dass „nur zwei der getesteten
Matratzen gute Punktelastizität“ hatten und wundern sich, dass „ ein
straff gespannter, steifer und mehrfach versteppter Bezug den Matratzenkern erheblich
verhärten“ kann. „So wird die gewünschte punktbezogene
Elastizität in ein eher flächiges Verhalten mit eingeschränkter
Anpassungsfähigkeit der Matratze verwandelt“ (Zitate Öko-Test).
Das ist völlig richtig. Aber die Verfasser nehmen anscheinend an, dass die
Hersteller nichts davon wissen und blind ihre Matratzen konzipieren. Selbst bei
solchen konkreten Überlegungen kommt es Öko-Test nicht in den Sinn,
dass vielleicht mit dem eigenen Bewertungssystem etwas nicht stimmen könnte.
Dabei wissen die Öko-Tester genau, dass es sehr verschiedene Matratzentypen
gibt, die alle ihre Käufer finden, Matratzen mit den unterschiedlichsten
Konzeptionen, sei es mit festen Kernen und weichen Oberflächen oder umgekehrt,
wobei sich sowohl die Kerne als auch die Oberflächenbereiche entweder durch
punktelastisches oder flächiges Verhalten auszeichnen können. Und diese
großen Unterschiede bei den Matratzen gibt es nicht deswegen, weil es die
Hersteller nicht besser wissen, sondern weil die Kunden es so wünschen,
anders könnte diese Vielfalt gar nicht bestehen.
Die Matratzentester können natürlich so viel messen
wie sie wollen. Wenn die Bewertung aber auf Bereiche übergeht, die etwas
mit „Komfort“ oder „Geschmack“ zu tun haben, wäre
es angemessen, Umfragen zu starten, statt mit technischen „Methoden“ subjektive,
individuelle Wahrnehmungen und Einschätzungen als Produkteigenschaften hinzustellen.
Solche Verdrehungen der Verhältnisse durch einen der
wichtigsten Meinungsbildner im Öko-Bereich dienen nicht der Aufklärung
der Verbraucher, sondern Ihrer Verunsicherung. So haben wir in der Tat immer
wieder Kunden, die nicht ihrer eigenen Wahrnehmung trauen wollen und unsicher
nachfragen, ob sie auch „objektiv richtig“ liegen!
Wir stehen dem „Test Latexmatratzen“ aber auch
deswegen besonders kritisch gegenüber, weil Öko-Test mit seiner Denkweise
nicht allein steht, sondern durchaus im „Mainstream“ ähnlicher
Erklärungsmodelle liegt, wie sie von diversen Betten-Ratgebern und Publikationen
der Matratzenindustrie verbreitet werden. Durch den Testbericht werden diese
gebetsmühlenartigen Behauptungssysteme nochmals bekräftigt und sozusagen „wissenschaftlich“ legitimiert.
Wir bedauern, dass Öko-Test es hier nicht schafft, die Trivialisierung des
Denkens zu durchbrechen, was einem kritischen Magazin aber durchaus zustünde.
Notiz vom 09. Mai 2005 als Replik auf Öko-Test 05/2005
Siehe in diesem Zusammenhang auch unseren Brief
an Öko-Test
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