Experimentelle Studie zur
Objektivierung möglicher psychologischer und physiologischer Effekte unter
häuslichen Bedingungen.
Dem eigentlichen Forschungsvorhaben wurde eine
dreimonatige Pilotphase vorgeschaltet, die im September 2005 erfolgreich abgeschlossen
wurde. In dieser Zeit wurde die notwendige Zusammenarbeit zwischen den Netzbetreibern
und den Wissenschaftlern konkretisiert. Die Netzbetreiber erklärten sich
bereit einen mobilen Sendemast für die Erzeugung der Exposition zur Verfügung
zu stellen. Ein positives Ethikvotum wurde eingeholt. Weiterhin haben der Wissenschaftler
eine Literaturstudie zu möglichen Einflüssen elektromagnetischer Felder
von Mobilfunkbasisstationen auf den Schlaf und die allgemeine Befindlichkeit
erstellt. Diese ist Bestandteil des Abschlussberichtes.
Die Hauptstudie wurde bundesweit an zehn Standorten in fünf
Bundesländern durchgeführt. Alle Standorte zeichneten sich durch das
Fehlen von Mobilfunksignalen sowie geringe andere Hochfrequenzfelder aus. Der
zur nächtlichen Exposition verwendete mobile Sendemast sendete unmodulierte
sowie pulsmodulierte Signale nach GSM 900 und GSM 1800 Standard. Die Exposition
erfolge nur in den Expositionsnächten, tagsüber sowie während
der Scheinexposition wurde kein Signal abgestrahlt. Die Exposition erfolgte verblindet,
das verwendete Testsignal wurde von Mobiltelefonen nicht erkannt.
Die Testpersonen wurden in zwei Blöcken von je sechs
Nächten untersucht, in allen Untersuchungsnächten wurde mit einem tragbaren
Gerät das Schlaf-EEG abgeleitet. Die erste Nacht jedes Blocks diente der
Gewöhnung an das Gerät und wurde nicht ausgewertet. Im weiteren Verlauf
erfolgte zufällig ausgewählt in fünf Nächten eine Exposition
und in fünf Nächten eine Scheinexposition. Die im Bett verbrachte Zeit,
die Schlafdauer und die Schlaflatenz wurden registriert und daraus der Schlafeffizienzindex
berechnet. Es wurden täglich Morgen- und Abendprotokolle ausgefüllt,
die Auskunft über die subjektiv empfundene Schlafqualität (Dauer, Erholsamkeit)
und die Tagesmüdigkeit gaben. Zu Beginn der Studie wurden mittels standardisierter
Fragebögen die Schlafgewohnheiten der Testpersonen sowie psychologische
Parameter und die Einstellung zum Mobilfunk und zu anderen Umwelteinflüssen
einmalig abgefragt.
Insgesamt nahmen 397 Personen an der Studie Teil. Die Geschlechts-
und Altersverteilung entsprachen in etwa der Allgemeinbevölkerung. Dies
galt auch für die Häufigkeit von Schlafstörung, das Auftreten
von psychischen Problemen (wie. z. B. Depressionen) und die Einstellung zum Mobilfunk
(Informiertheit, Besorgnis). Nach Sichtung und Qualitätsprüfung der
Rohdaten lagen für 365 Personen auswertbare Daten zur subjektiven und für
335 Personen zur objektiven Schlafqualität vor.
Subjektive Schlafqualität: Mittels Fragebögen wurde
die Müdigkeit am Abend, eventueller Schlaf am Tag vor der Untersuchungsnacht,
außergewöhnliche Belastungen und Ereignisse, Einnahme von Genusmitteln
(Koffein, Nikotin, Alkohol) und Medikamenten, subjektive Ursachen für schlechten
Schlaf, subjektive Bettzeit, Schlafzeit, Wachzeit, Einschlaflatenz, Erholsamkeit
des Schlafes und Schlafeffizienz (% Schlafzeit an Bettzeit) erhoben. Eine statistische
Auswertung des Gesamtkollektivs ergab, dass unter Scheinexposition signifikant
mehr Personen angaben schlecht geschlafen zu haben als unter Exposition, wobei
hierfür diverse private und berufliche Gründe sowie Störungen
angegeben wurden. In Tagen vor den Scheinexpositionsnächten ereigneten sich
auch signifikant mehr außergewöhnliche Ereignisse (Hochzeit, Begräbnis,
Geburt, Feier usw.) als vor Expositionsnächten. Alle anderen subjektiven
Schlafparameter blieben auf der ebene des Gesamtkollektivs unverändert.
Auf individueller Ebene zeigten insgesamt 57 Personen signifikante Veränderungen
in mindestens einem subjektiven Schlafparameter, wobei diese überwiegend
auf eine bessere Schlafqualität unter Exposition deuteten. Eine detaillierte
Befragung ergab in den meisten Fällen eindeutige Gründe für den
schlechteren Schlaf unter Scheinexposition, wie Lärm, Hitze, Störungen,
Probleme usw.
Objektive Schlafqualität: Aus den EEG Ableitungen wurde
die Bettzeit, Schlafzeit, Wachzeit, Schlaflatenz zum Schlafstadium 1 und 2 und
Schlafeffizienz ausgelesen. Statistische Auswertung des gesamten Kollektivs ergab
für keinen dieser Parameter einen signifikanten Einfluss der Exposition
auf objektiv gemessene Schlafparameter. Eine Auswertung auf individueller Basis
zeigte bei 36 Personen insgesamt 66 signifikante Veränderungen in einzelnen
Parametern. Bei elf davon handelte es sich um Personen, die auch in den subjektiven
Parameter signifikante Ergebnisse zeigten, alle anderen bemerkten subjektiv keinen
Unterschied. Andererseits spiegelten sich subjektive Empfindungen bei 46 Probanden
nicht im Schlaf-EEG. Die Schlafqualität war für die objektiven Parameter
unter Exposition eher schlechter, wobei aufgrund der Fragebögen überwiegend
andere Gründe für schlechten Schlaf als elektromagnetische Felder identifiziert
werden konnten. Der Anteil der Personen, die signifikante Veränderungen
in einem bestimmten Schlafarameter zeigten, lag für alle subjektiven und
objektiven Parametern unterhalb der 5 %, die rein zufällig zu erwarten wären.
Ein systematischer Zusammenhang zwischen der gemessenen Feldstärke und beobachteten
Veränderungen der Schlafqualität konnte nicht hergestellt werden.
Der Einfluss psychologischer Faktoren wurde ausschließlich
in Scheinexpositionsnächten untersucht, um einen möglichen physiologischen
Einfluss der elektromagnetischen Felder auszuschließen. Mit steigender
Entfernung vom Sendemast wurden die subjektive Einschlaflatenz länger, was
wahrscheinlich ein Zufallsergebnis ist. Ansonsten hatte die Entfernung zum Mast
sowie dessen Sichtbarkeit keinen Einfluss auf die Schlafqualität. Besorgnis
wegen Basisstation, aber nicht wegen Mobilfunk generell, führte zu signifikant
verlängerter subjektiver Schlaflatenz und zu längeren objektiven und
subjektiven Wachzeiten während der Nacht sowie einer verringerten objektiven
und subjektiven Schlafeffizienz. Dies ist eindeutig als eine verschlechterte
Schlafqualität infolge eines Nocebo-Effekts zu werten. Die Erholsamkeit
des Schlafes blieb unbeeinträchtigt. Die Beschäftigung mit dem Thema
Mobilfunk war mit verkürzten Bettzeiten und Schlafzeiten korreliert.
Fazit
Die vorliegenden Ergebnisse sprechen gegen eine Beeinflussung
der subjektiven und objektiven Schlafqualität durch elektromagnetische Felder
von Mobilfunkbasisstationen auf physiologischer Ebene. Es konnten jedoch eindeutige
Effekte allein durch die Existenz einer Mobilfunkbasisstation verbunden mit der
Besorgnis über mögliche gesundheitliche Risiken auf die Schlafqualität
nachgewiesen werden. Das vorliegende Ergebnis zeigt, dass nicht die Exposition
an sich die Schlafqualität negativ beeinflusst, sondern Bedenken wegen der
möglichen gesundheitlichen Folgen, und zwar auch wenn die Anlage nicht in
Betrieb ist.
Beginn der Untersuchung: 2005
Ende der Untersuchung: 31.03.2008
Projektleitung: Charité - Universitätsmedizin Berlin
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