Das Sitzen ist uns in allen Bereichen unseres Lebens so selbstverständlich, dass es fast komisch anmutet, wenn man sich darauf besinnt, dass es vor nicht allzu langer Zeit anders war. So standen z. B. die Kontoristen früher den ganzen Tag an Stehpulten, um ihre Bürotätigkeit zu verrichten. Das hatte nichts mit der Armut des damaligen Angestelltenlebens zu tun, sondern entsprach den Vorstellungen jener Zeit.
Unser heutiger Geist dagegen ist darauf programmiert, dass wir uns bei jeder Gelegenheit einen Sitzplatz suchen müssen. Was soll nun ausgerechnet am Sitzen so schwierig sein? Die vertikale Ausrichtung der Wirbelsäule unterliegt einer beständigen, feinen Ausgleichsbewegung, vergleichbar mit einem Seiltänzer, welcher ebenfalls nur durch beständiges Schwanken sein Gleichgewicht findet. Im Stehen erfolgt die Ausrichtung der Wirbelsäule völlig unbemerkt durch das Zentralnervensystem. Die langen Rückenstrecker halten die Wirbelsäule aufrecht gegen die Schwerkraft, ohne dass wir absichtlich etwas dazu tun. Der Impuls zur Aufrichtung kommt von den Füßen, von den Rezeptoren des Nervensystems an Knochen und Gelenken, die Spannung vermittelt sich über das Becken.
Im Sitzen aber fehlt den Füßen der Gegendruck des Bodens und das Becken befindet sich in einer labileren Stellung. Das wirkt sich auf die Wirbelsäule aus, die im Becken verankert ist. Sobald die natürliche Balance verlorengeht, kann die Wirbelsäule nur durch absichtliche Anspannungen aufrecht gehalten werden. Anstrengungen aber wirken auf Dauer erschöpfend, so dass das Becken irgendwann nach hinten kippt, der Rücken sich krümmt und der Brustkorb in sich zusammenfällt.
Solange man ein gesundes und kräftiges Muskel-Bänder-System besitzt, ist nichts gegen eine gebeugte Sitzhaltung einzuwenden, obwohl damit eine größere Belastung für die Wirbelsäule verbunden ist. Bei einem geschwächten Bändersystem aber kann sich diese Belastung auf Dauer negativ auswirken. Und geschwächte Bändersysteme sind heutzutage leider der Normalfall. Als Hauptursache für diese Entwicklung gilt mangelnde Bewegung und die zunehmende Verbreitung sitzender Tätigkeiten. |