Was tun bei plötzlichem Rückenschmerz?  –
Interview mit der „Deutschen Schmerzliga“

Dieser Auszug aus einem Interview von HR I mit Dr. Gerhard Müller-Schwefe, dem Präsidenten der „Deutschen Schmerzgesellschaft“ anläßlich des „Deutschen Schmerztageshttp://www.biosaffair.de/gesund-liegen/ploetzlicher-rueckenschmerz-was-tun/“ in Frankfurt am 15.03.2003 ist immer noch äußerst aktuell.

HR: Wenn jetzt heute jemand mit chronischen Rückenschmerzen zu Ihnen auf den Schmerztag kommt, was können Sie dem anbieten?

M-S: Auf dem Schmerztag erlebt er natürlich eine Vielzahl von Therapiestrategien, die wir für chronische Rückenschmerzen einsetzen. Und es gibt eine ganz wichtige Botschaft dabei, die ist: „nicht die Ruhe bringt die Heilung, sondern die Bewegung“

HR: Das heißt…viel laufen?

M-S: Rückenschmerzpatienten müssen aktiv sein, müssen sich bewegen können, sie müssen laufen können. Aber nicht nur laufen, sondern sie müssen die Bewegungsform wählen, die sie gerne machen. Es muss Spaß machen, dann bewegt man sich nämlich auch. Und wenn das nicht geht, weil die Schmerzen zu stark sind, dann brauchen wir die Medikamente!

HR: Diese Bewegung soll aber doch unter Anleitung passieren oder kann das jeder für sich so privat ganz allein machen?

M-S: Primär kann sich jeder alleine bewegen, aber wenn man Rückenschmerzen hat, dann gibt es ganz gezielte Möglichkeiten, sich zu bewegen. Und dazu braucht man schon den Experten, denn da gibt es richtige Übungen und es gibt auch Übungen, die es auch schlechter machen können.
Das sollte man sehr gezielt auf den einzelnen abstellen. Dazu braucht man eine sorgfältige Untersuchung, und zwar nicht das Röntgenbild, sondern die körperliche Untersuchung. Dazu muss der Patient sich ausziehen. Das kann man nicht durch die Kleider feststellen. Und dazu muss man auch vor allem auch die Funktion der Muskulatur, der Bänder und der Gelenke untersuchen.

HR: Jetzt ist Schmerz ja nicht nur Rückenschmerz, sondern auch Kopfschmerz, Rheumaschmerz. Da gibt es ganz vielfältige Formen. Warum gibt es in Deutschland so wenig gezielte Schmerztherapie?

M-S: Es ist in Deutschland genauso wie in vielen anderen Ländern bisher nicht verstanden worden, dass das Chronisch-werden von Schmerzen auf Tapferkeitsstrategien basiert. Immer wenn man tapfer ist, hält man Schmerzen aus und dann lernt man. Man wiederholt diese Information. Und alles Lernen und Chronisch-werden heißt lernen, basiert auf wiederholter Information.
Deshalb werden so viele Schmerzen chronisch und deutsche Ärzte sind nicht darauf vorbereitet, diese Chronifizierung, diese Lernprozesse zu erkennen und zu verhindern.

HR: Jetzt sagen sie, dass es Tapferkeitsschmerzen sind, die man einfach aushält und die dann chronisch werden. Aber nun werden auf der anderen Seit ja Menschen mit Schmerzproblemen manchmal ein bißchen abgetan und da heißt es dann ja, es sind vielleicht psychosomatische Beschwerden, vielleicht hat dieser Mensch irgendwelche Probleme, vielleicht ist das sogar nur Einbildung. Jetzt machen Sie diesen Menschen mal Mut. Das sind ja keine Hypochonder!?

M-S: Absolut nicht. Wenn jemand Schmerzen hat, dann ist er natürlich auch nicht fröhlich gestimmt, sondern wird depressiv, aber wird depressiv, weil er Schmerzen hat. Und ich würde mich vehement dagegen wehren, Schmerzpatienten einfach als psychisch krank oder als eingebildete Kranke zu diffamieren. Das passiert ja leider täglich, im Gutachterwesen, das passiert, wenn diese Menschen im Röntgenbild keine Befunde vorweisen können. Aber wir wissen, da wo es eigentlich passiert, nämlich in den Nervenzellen, da sind Strukturen, die wir einfach mit dem Röntgenbild nicht erfassen können.

HR: Wohin soll sich jetzt jemand mit Schmerzproblemen am besten wenden? Wenn er auch das Gefühl hat, er ist beim Hausarzt doch nicht so gut aufgehoben?

M-S: Ein gute Adresse ist die „Deutsche Schmerzliga“, die unter der Telefonnummer
0700 375 375 375 zu erreichen ist. Die vermittelt Adressen von Schmerztherapeuten, die wohnortnah in der Umgebung des Betroffenen sind. Und zwar Methodenspezialisten, aber auch ganz hochspezialisierte Schmerztherapeuten, für die schweren Problempatienten.

Nachtrag von bios affair: Die „Deutsche Schmerzliga“ geht davon aus dass „Schmerzen keine schicksalsgewollte, unausweichliche Last sind, die die Patienten zu tragen haben“, sie besteht auf dem „Recht für eine kompetenten Behandlung“ und macht sich „stark für die Belange von Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden.“

Sie finden die „Deutsche Schmerzliga“ auch im Internet unter: http://www.schmerzliga.de/

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