Stiftung Warentest wandelt beim Test von Matratzen auf seltsamen Wegen

Wiedergabe eines Offenen Briefes an Stiftung Warentest zu einem Matratzentest

Beim Testen von Matratzen ermittelt Stiftung Warentest unter anderem die Härte, die Dauerelastizität, den Feuchtigkeitstransport, die Qualität des Bezugsstoffes, die chemischen Ausdünstungen und vieles mehr. Wenn es aber um die Liegequalität geht, geraten die Tester auf unsicheres Terrain. Das wird besonders deutlich beim jüngsten Matratzentest November 2012. Denn um die Liegeeigenschaften zu bewerten, müssen zuvor die Bedingungen dafür definiert werden.

Und hier liegt ein großes Manko. Auch im letzten Test finden sich nur einige wenige Textpassagen dazu: Der Po soll in der Rückenlage nicht zu tief einsinken, die Matratze soll im Beckenbereich passen (was das auch immer heißen mag) und in der Seitenlage soll die Wirbelsäule gerade liegen.
Die Prüfer gingen beim Matratzentest bisher von den Körperproportionen eines Durchschnittsmenschen aus, mit der Forderung, dass sich die Matratze den Körperkurven anzupassen habe. So soll der Körper einerseits in die Matratze einsinken (aber nicht zu tief) und andererseits von ihr gestützt werden. Außerdem soll durch die Lagerung möglichst wenig Druckbelastung entstehen. So weit, so vage.

Nun ist es aber so, dass nur die liegende Person entscheiden kann, ob sie gut liegt oder nicht bzw. ob sie sich wohl fühlt oder nicht. Ob nun dieses formale und undefinierte Konzept der unterschiedlichen Abstützung von Körperabschnitten wirklich dazu führt, dass sich eine durchschnittliche Person auf einer gut bewerteten Matratze wohl fühlt, ist durchaus möglich, aber nicht wahrscheinlich.

Denn die Wahrnehmung des Körpers und das Wohlgefühl des Menschen resultieren nicht aus der definierten Abstützung seiner Teile, sondern vielmehr aus seiner ganz persönlichen Weise, Muskeln, Bänder und Faszien zu gebrauchen, also aus den inneren Spannungen und Vorspannungen und damit letztlich aus dem individuellen Bewegungscharakter. Jeder Mensch besitzt ein ganz persönliches und einzigartiges körperliches Spannungsgefüge, das nur bedingt mit den äußeren Körperformen korrespondiert.

Hinzu kommen noch die besonderen Vorlieben der Menschen. Die einen mögen eine Matratze mit sanfter Oberfläche, aber Festigkeit im Inneren, für andere ist es genau umgekehrt. Manche mögen eine kraftvolle Elastizität, andere mögen es überhaupt nicht schwingend. Einige möchten Druck am Gesäß, andere wollen sich möglichst gar nicht fühlen oder gar in der Matratze versinken.

Wo es um das Fühlen geht und um den Geschmack, ist es mit messtechnischen Mitteln nicht möglich, Vorgaben zu machen, also eine optimale Matratze für „den Menschen“ zu ermitteln.

Stiftung Warentest schien dieser Einsicht schon mal näher gekommen zu sein. So wurde im Januar dieses Jahres noch festgestellt, das Matratzen Geschmacksache sind und das es deswegen nur drei Wege gibt, um in der Vielfalt des Angebots die richtige Matratze zu finden: „Probe liegen, Probe liegen und noch mal Probe liegen“. Dem stimmen wir zu.

Aber was macht nun die Stiftung beim jüngsten Matratzentest November 2012? Die Tester überraschen mit der Aussage, dass sie die Matratzen jetzt noch kritischer prüfen. Anstatt Abstand zu nehmen von dem Anspruch, den Liegekomfort einer Matratze allgemeingültig zu bestimmen, gehen sie mit ihrer Messtechnik nun noch weiter ins Detail.

Die Tester haben inzwischen entdeckt, dass es Menschen mit sehr unterschiedlichen Körperformen gibt und dass man diese nicht über einen Kamm scheren darf, das heißt, dass die Menschen mit ihren unterschiedlichen Körpern nicht gleich gut auf ein und derselben Matratze liegen können.

Also hat Stiftung Warentest die Menschen in vier Körperformen unterteilt: der schwere schrankförmige Mann, der große kräftige Mann, die kleine birnenförmige Frau und die kleine leichte Frau.

Bei den Warentestern taucht dabei die Frage auf, warum es nicht schon längst Matratzen für unterschiedliche Körperformen gibt und sie kommen im Umkehrschluss zu der für sie überraschenden Einsicht, dass es eigentlich keine „Universalmatratze“ geben kann.

Wie kam Stiftung Warentest zu der Annahme, dass es so etwas geben könnte? Unseres Wissens, tritt kein Hersteller mit solch einem Anspruch auf. Im Gegenteil, es werden immer ganze Reihen unterschiedlicher Matratzen angeboten.

Wenn Stiftung Warentest bei dieser etwas kuriosen Unterteilung der menschlicher Körper in vier Grundformen bleibt und auch zukünftig seine Messungen danach durchführt, müssen die Hersteller handeln und schauen, dass sie ihre Matratzen demgemäß kategorisieren. Denn kein Hersteller kann es sich auf Dauer leisten, bei den Prüfungen durchzufallen. So wird es zukünftig vielleicht den Matratzentyp Birne, die Matratze Schrank und eventuelle auch die Matratze Apfel für kugelförmige Menschen geben.

Wir glauben aber, dass sich Stiftung Warentest mit diesem Vorgehen ins Abseits manöveriert. Denn dieser Schritt in Richtung einer immer weiteren Differenzierung kann das Ziel prinzipiell nicht erreichen.

Auch eine noch so ausgefeilte Messtechnik kann den Menschen mit seinen Liegebedürfnissen nicht erfassen. Der Anspruch, aus den Kurven, Gewichten und Proportionen des Menschen einerseits und den technischen Daten der Matratzen andererseits die richtige Matratze zu bestimmen, behandelt den Menschen als triviale Maschine und ignoriert die Komplexität der Individuen. Auch vier besonders geformte Menschen und fünf Experten für „vergleichende subjektive Beurteilungen“ können nur für sich selbst urteilen und nicht für Andere.

Mit diesem Wechsel zur „noch kritischeren Prüfung“ sind außerdem per se viele der früheren Ergebnisse hinfällig oder falsch. Hieß es im Januar 2012 noch „Teuer lohnt sich nicht“, so schneiden beim wiederholten Test der gleichen Matratzen nur die teuren Modelle gut ab.

Wir vermissen bei Stiftung Warentest eine methodenkritische Betrachtung jenseits vom Ingenieur-Handwerk und dazu eine selbstkritischere Haltung.

Zurück zum neuesten Test

Da die Tester nun keine Matratzen für die von ihnen festgelegten vier Körpertypen vorgefunden haben, wird unverdrossen weiter getestet. Nur, dass jetzt auch eine birnenförmige Frau, ein schrankförmiger Mann, ein schwerer Mann und eine kleine Frau zum Test herangezogen werden.
Zum Erstaunen aller wird bei dieser Prüfung ganz im Widerspruch zur Vorüberlegung auch eine Matratze gefunden, die für alle Körperformen geeignet zu sein scheint. Eine Wundermatratze? Hat sich die Stiftung Warentest vermessen oder ist so vermessen, etwas zu messen, was sich nicht messen lässt? Wir wissen es nicht. Dieses unerwartete Ergebnis wird jedenfalls nicht hinterfragt und die Peinlichkeit dieses Vorganges wird nicht einmal als solche wahrgenommen.

Wir finden es ebenfalls peinlich, dass zur Beurteilung der Liegequalität in der Seitenlage wieder das Modell der gerade liegenden Wirbelsäule als Kriterium herangezogen wird. Dieses von der Matratzenindustrie erfundene „Bandscheibenmodell“ ist anscheinend nicht aus den Köpfen zu bekommen. Aus welchem Grund die Wirbelsäule in der Seitenlage gerade liegen soll, wird nicht erläutert. Die ursprüngliche Annahme, dass sich die Bandscheiben nur bei gestreckter Wirbelsäule wieder mit Flüssigkeit auffüllen können, wurde längst durch Druckmessungen widerlegt. (Spine, Volume 24, 199 „New in Vivo Measurements of Pressures in the Intervertebral Disc on Daily Life“, siehe auch die Zusammenfassung auf unserer Webseite http://www.biosaffair.de ).

Das „Bandscheibenmodell“ besitzt keine nachweisbare Legitimation – außer der, dass es dazu dient, die Kunden zu übertölpeln. Es ist ein reines Marketinginstrument. Und Stiftung Warentest lässt sich ebenfalls damit instrumentalisieren, anstatt die eigenen Methoden zu hinterfragen.
Unser Urteil zu diesem Matratzentest: mangelhaft.

Nachtrag: Überrraschenderweise hat uns einer der Testleister auf unser Schreiben geantwortet. Leider war die Antwort sehr formal und technisch begründet, ohne auf den Kern unseres Schreibens einzugehen.

Veröffentlicht von Pressetext.com am 20.11.2012

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