Wie schon
angesprochen, gibt es ein sehr verbreitetes Modell, das als Beweis für das Konzept der "orthopädisch richtigen
Matratze" gelten soll. Dabei geht es um die Abbildung einer auf der Seite
liegenden Frau, die dem Betrachter den Rücken zuwendet und dabei ihre schnurgerade
Wirbelsäule demonstriert. (Siehe Abb.) Zu diesem Bild wird eine Geschichte über
die Bandscheiben erzählt, die suggerieren soll, dass es eine Patentlösung
für die verbreiteten Rückenprobleme gäbe.
Bandscheiben, das sind elastische, wasserbindende
Puffer, die wie hydraulische Pressen zwischen den einzelnen Wirbeln lagern. Durch
die Belastungen des Tages verlieren die Bandscheiben einen Teil ihrer Flüssigkeit, während sie
sich des Nachts wieder damit anreichern. Die Geschichte erzählt nun, dass sich
die Bandscheiben nur auf den Matratzen, bei denen sich die Wirbelsäule gerade
ausrichtet, wieder auffüllen können, und dass jede anderweitige
Ausrichtung diesen Prozeß behindern würde und damit ungesund für
den Rücken sei.
5.1 Die bewegungstherapeutische Antwort
Wäre diese Theorie richtig, so würde das bedeuten, dass man
sich auch am Tage davor hüten sollte, den Rumpf öfters zu beugen, um
genügend Reserven an Bandscheibenflüssigkeit zu behalten. Es würde
außerdem bedeuten, dass die gesamte Menschheit, bevor es diese Matratzen
gab, immer rückenschädigend geschlafen hat.
Die Belastungen der Bandscheiben ergeben sich aber generell aus der aufrechten
Haltung des Menschen, bei der die Wirbelsäule das gesamte Gewicht des Oberkörpers
aufnehmen und ausbalancieren muss. Sobald sich der Körper in der Horizontalen
befindet (d. h. in der Liegestellung), können sich die Bandscheiben wieder
auffüllen. (x) Leichte Drehungen und Neigungen der Wirbelsäule sind
dabei durchaus natürlich und behindern nicht deren Regeneration. Der Transport
von interzellulären Flüssigkeiten wird sogar noch unterstützt,
wenn man von Zeit zu Zeit die Liegeposition verändert. Dabei verändert
sich natürlich auch jedesmal die Ausrichtung der Wirbelsäule.
Unabhängig davon gibt es wohl keinen Menschen, der die ganze Nacht über
die abgebildete besondere Seitenlage einnehmen wird. Sie ist wegen der gestreckten, übereinanderliegenden
Beine ziemlich instabil und darüber hinaus noch steif und unbequem. Jeder
Mensch wird die Beine etwas anwinkeln und die untenliegende Schulter in Richtung
Kopf oder Becken schieben und dabei etwas nach hinten oder nach vorne verlagern,
um sich besser an die Unterlage anschmiegen zu können und damit das Auflagegewicht
zu verteilen (entsprechend der Abbildung unten).
 |
(x) Bei einem Experiment an der Universität Ulm wurde
eine Meßelektrode zur Druckmessung in die Bandscheibe eines lebenden Menschen
implantiert und dann der Druck bei verschiedenen Körperhaltungen und Liegestellungen
gemessen. Es wurde festgestellt, dass es der Druck in der Bandscheibe unabhängig
davon ist, wie die Wirbelsäule im Liegen ausgerichtet wird. Eine detailliertere
Beschreibung des Versuchs finden Sie im Archiv unserer Website unter Druckmessungen
in den Bandscheiben. |